Böblingen stinkt

„Der Autofahrer ist absolut asozial. Er merkt es nur nicht.“ – harte Worte von Herrmann Knoflacher in einem Interview mit dem Manager Magazin. Hermann Knoflacher ist Verkehrsexperte von der TU Wien und maßgeblich an der Wiener Verkehrswende beteiligt. Wien hat sich mittlerweile zur lebenswertesten Stadt der Welt entwickelt. Das geht nur, indem man eine adäquate Verkehrspolitik vorweisen kann. In Wien heißt das: Autos raus aus der Stadt.

Wien und andere (nicht deutsche) Städte haben schon vor einiger Zeit erkannt, dass das Auto nicht die Lösung der Verkehrsprobleme ist. Das Problem laut Knoflacher ist, dass Autofahrende nichts von der Zerstörung merken, die sie anrichten. Erst aus der Perspektive z.B. eines Radfahrers werde diese groteske Welt spürbar und sichtbar.

In Böblingen wird das Autochaos – oder anders gesagt die Autopest – immer offensichtlicher. Egal ob vor Schulen, Kindergärten, Poststraße, überall nehmen Autofahrende für sich in Anspruch, direkt vor ihrem Ziel das Auto abstellen zu können. Rücksichtslos wird auf Radwegen, Fußwegen oder Park- und Halteverbot geparkt. „Ich muss nur schnell…“ heißt es dann immer. Niemand ist bereit, auch nur 50m zu Fuß zu gehen. Der extra für Kurzparker eingeführte Brezeltarif bzw. die erste kostenfreie halbe Stunde in Böblingens Parkhäusern werden damit zur Farce. Selbst diese großzügigen Angebote der Stadt werden mit Füßen getreten.

Dabei ist der Zeitgewinn durch dieses asoziale Parken nur gering. Das Wochenblatt hat ein schönes Experiment durchgeführt, um den zeitlichen Mehraufwand zu messen, wenn man „anständig parkt“. Es sind nur wenige Minuten. Hier der Artikel:

Wochenblatt vom 27.2.2019

Eine Teilschuld muss man aber auch dem Böblinger Ordnungsamt zusprechen. Der Kontrolldruck auf die Autofahrer scheint nicht sehr groß zu sein. Beispiel unterer Maurener Weg, ein verkehrsberuhigter Bereich, wo Autos nur an gekennzeichneten Stellen geparkt werden dürfen: Kontrolliert das einer? Seit Wochen und Monaten wird wild geparkt und hinter der Windschutzscheibe ist nicht einmal ein Anwohnerparkausweis zu sehen. Selbst das entgeht dem Ordnungsamt.

Man kann sicher über die Stadt schimpfen, aber letztlich sind es die Autofahrerinnen und Autofahrer, die die Städte ins Chaos stürzen. Neulich war ich gerade dabei, mit der Knölli-App eine Anzeige wegen Parkens auf dem Gehweg zu erstellen (wer weiß, ob das Ordnungsamt sie je bearbeitet hat). Ein Ehepaar mit Kinderwagen kam vorbei. Der Gehweg war wegen des parkenden Autos zu eng geworden. Bereitwillig schoben sie den Kinderwagen auf die Straße. Ich beklagte das Falschparken und hoffte auf Zustimmung. Hier der Dialog (in etwa):

Ich: „Echt eine Sauerei, so zu parken.“
Sie: „Aber der Verkehr ist doch so groß.“
Er: „Hier ist doch Halten erlaubt!“
Ich: „Ja, aber nicht auf dem Gehweg.“
Er: „Ähh..“

Das heißt, die beiden hatten vollstes Verständnis für das Parken auf dem Bürgersteig. Gibt es sowas? Noch besser ein Zitat einer Frau über die neuen Frankfurter Hütchen an der Poststraße aus dem Wochenblatt-Artikel: „Mein nächstes Auto wird ein SUV, dann stören mich die Frankfurter Hüte nicht mehr.“ Da bleibt einem doch die Spucke weg. Das Unrechtsbewusstsein ist komplett abhanden gekommen. Um so lieber schimpft man dann auf die Radfahrer, die angeblich permanent gegen die Verkehrsregeln verstoßen. Dabei haben viele Auswertungen ergeben, dass die Autofahrer viel öfter sündigen, die Verstöße werden einfach nicht mehr wahrgenommen. Es ist normal, die StVO links liegen zu lassen. Viele Autofahrende leben in einer kaputten Scheinwelt. Hier nochmal als Zuckerl ein zugeparkter Radweg in Berlin. Fast überall in Deutschland können sich Autofahrer das leisten:

Dabei fühlen sich viele Autofahrende noch geschröpft. Im Wochenblattartikel fordert ein Leser, die Parkhäuser komplett kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Die Tiefgarage der Kongresshalle wurde gerade erst für mehrere Millionen renoviert. Wieviel soll man dem MIV noch in den A**** schieben? Dabei ist der Autoverkehr volkswirtschaftlich schädlich, wie mehrere Berechnungen zeigen. Jeder gefahrene Autokilometer kostet den Staat 20 Cent, jeder Fahrradkilometer bringt 30 Cent. Der Staat und mit ihm die Kommunen täten also gut daran, den Autoverkehr zurückzudrängen. Die Zeit ist reif dafür. Dieselskandal, Klimawandel, Todesfälle im Straßenverkehr, viele wollen das nicht mehr hinnehmen.

Was tun? Die Bundespolitik wird nichts tun. Sie ist selber gejagt durch die EU-Vorgaben, wie Feinstaub und NOx. Mit ihrer zukuntsverachtenden Untätigkeit ist sie zwar gegen die Wand gefahren, Änderungen sind aber nicht in Sicht.

Meine Frau kam eben vom Einkaufen mit dem Fahrrad zurück und sagt nur: „Böblingen stinkt.“ Der Verkehr macht uns krank und mindert Lebensqualität und Lebenszeit. Wollen wir das hinnehmen? Wir sollten uns mehr zutrauen und Autofahrer vermehrt auf Verstöße hinweisen. Auch im privaten kann mal ansprechen, wie asozial der exzessive Autoverkehr ist. Warum auch nicht mal Falschparker ansprechen oder anzeigen? Autofahrende sollen spüren, dass sie in diesem Umfang nicht erwünscht sind – damit Böblingen irgendwann nicht mehr stinkt!

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One Comment on “Böblingen stinkt”

  1. Ein Problem ist eben auch, dass es so viele Vergehen sind, dass man als Privatperson mit dem Anzeigen nicht hinterherkommt. Asoziales Verhalten ist ein strukturelles Problem. Ganz abgesehen davon, dass man bei einer Anzeige von der Stadtverwaltung keine Rückmeldung bekommt und daher auch nicht weiß, ob sie wirklich was gebracht hat. Man hat ein bisschen den Eindruck, bei der Stadtverwaltung fürchtet man, wenn man zuviel gegen Autos macht, kommt Zetsche und versohlt den Leuten persönlich den Hintern. Als ob man hierzulande schon mal gute Erfahrungen mit vorauseilendem Gehorsam gemacht hätte...

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